Montag, 5. Dezember 2011
Ob Ihr behindert seid hab ich Euch gefragt!
avenasativa, 12:20h
Vor nicht allzu langer Zeit kam das neue Buch meines Lieblingsautors raus. Kurz vor der Veröffentlichung gabs dazu ein Gewinnspiel, man sollte einen Text zum Thema Behinderung verfassen und konnte dann irgendwas T-Shirtmäßiges ergattern.
T-Shirts hab ich eigentlich genug, und Gewinnspiele finde ich prinzipiell Scheisse, mir fiel aber trotzdem sofort was dazu ein.
Jetzt nichts in Richtung medizinischer Beitrag zum Thema zufällige Genmutationen oder Chromosomenveränderung, sondern eher ein einzelnes Wort: Gesellschaft!
Unsere Gesellschaft besser gesagt.
Unsere Gesellschaft ist die schlimmste angeborene Behinderung eines sonst halbwegs gesunden, emotional minimalfunktionierenden Menschen. Und wenn man Pech hat dann gleicht diese Behinderung nicht einem Downsyndrombelasteten, der durchaus in der Lage ist irgendwann in einem Wohnheim eigenständig seinem Leben was schönes abzugewinnen, sondern eher dem an eine Sitzschale gefesselten Fleischhaufen, der weder in der Lage ist zu denken, noch zwischen Richtig oder Falsch zu entscheiden.
Ich habe glücklicherweise gelernt mit dieser Behinderung umzugehen. Allerdings musste ich vorher erstmal schmerzlich erfahren das ich überhaupt diese Gesellschaftsbehinderung mit mir rumtrage.
Da teilt man Jahre lang sein Leben mit einem als überdurchschnittlich überlebenswichtig eingestuften Menschen, für den man Dinge empfinet wie Sonnenaufgang, Meeresrauschen oder Frühlingsvogelgezwitscher, nur um plötzlich und unerwartet, ja fast innerhalb von Minuten festzustellen dass dieser Mensch eigentlich eher Amputationsschmerz oder Weltuntergang gleicht. So extrem behindert ist dieser Mensch, so extrem behindert ist auch der Großteil der Restgesellschaft. Und dann fängt man an zu suchen und zu grübeln, man windet sich, weint und schreit, und wenn man Glück hat bemerkt man: Ich kann mich bewegen, jede einzelne Gliedmaße, ich kann laufen, essen, es gibt weder eine Körperangepasste Sitzschale, noch Gurte die mich vorm Auf die Fresse fallen bewahren, ich kann reden, schreiben, aber vor allem: ich kann denken und fühlen, ich besitze das grösste aller Heiligtümer, meine Freiheit.
Die Freiheit selbständig zu handeln, versuchen ein guter Mensch zu sein. Diese Erkenntnis war Gold wert, quasi der Einzug in mein Wohnheim, indem ich ab jetzt jeden Tag mehr selbständigkeit lernen darf. Und ich wünsche mir das jetzt alle mal nach dem Weg in ihr Wohnheim suchen, also alle mal wenigstens etwas weniger behindert werden, und wer weiß, vielleicht können wir dann ja bald mal zusammen Bus fahren oder Eis essen gehen!
T-Shirts hab ich eigentlich genug, und Gewinnspiele finde ich prinzipiell Scheisse, mir fiel aber trotzdem sofort was dazu ein.
Jetzt nichts in Richtung medizinischer Beitrag zum Thema zufällige Genmutationen oder Chromosomenveränderung, sondern eher ein einzelnes Wort: Gesellschaft!
Unsere Gesellschaft besser gesagt.
Unsere Gesellschaft ist die schlimmste angeborene Behinderung eines sonst halbwegs gesunden, emotional minimalfunktionierenden Menschen. Und wenn man Pech hat dann gleicht diese Behinderung nicht einem Downsyndrombelasteten, der durchaus in der Lage ist irgendwann in einem Wohnheim eigenständig seinem Leben was schönes abzugewinnen, sondern eher dem an eine Sitzschale gefesselten Fleischhaufen, der weder in der Lage ist zu denken, noch zwischen Richtig oder Falsch zu entscheiden.
Ich habe glücklicherweise gelernt mit dieser Behinderung umzugehen. Allerdings musste ich vorher erstmal schmerzlich erfahren das ich überhaupt diese Gesellschaftsbehinderung mit mir rumtrage.
Da teilt man Jahre lang sein Leben mit einem als überdurchschnittlich überlebenswichtig eingestuften Menschen, für den man Dinge empfinet wie Sonnenaufgang, Meeresrauschen oder Frühlingsvogelgezwitscher, nur um plötzlich und unerwartet, ja fast innerhalb von Minuten festzustellen dass dieser Mensch eigentlich eher Amputationsschmerz oder Weltuntergang gleicht. So extrem behindert ist dieser Mensch, so extrem behindert ist auch der Großteil der Restgesellschaft. Und dann fängt man an zu suchen und zu grübeln, man windet sich, weint und schreit, und wenn man Glück hat bemerkt man: Ich kann mich bewegen, jede einzelne Gliedmaße, ich kann laufen, essen, es gibt weder eine Körperangepasste Sitzschale, noch Gurte die mich vorm Auf die Fresse fallen bewahren, ich kann reden, schreiben, aber vor allem: ich kann denken und fühlen, ich besitze das grösste aller Heiligtümer, meine Freiheit.
Die Freiheit selbständig zu handeln, versuchen ein guter Mensch zu sein. Diese Erkenntnis war Gold wert, quasi der Einzug in mein Wohnheim, indem ich ab jetzt jeden Tag mehr selbständigkeit lernen darf. Und ich wünsche mir das jetzt alle mal nach dem Weg in ihr Wohnheim suchen, also alle mal wenigstens etwas weniger behindert werden, und wer weiß, vielleicht können wir dann ja bald mal zusammen Bus fahren oder Eis essen gehen!
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